Kolumbien

Die Ungerechtigkeit der Klimakrise beginnt nicht bei den Auswirkungen des Klimawandels. Sie beginnt dort, wo die fossilen Rohstoffe abgebaut werden. Wo Anwohner*innen ihr Zuhause verlieren, Ökosysteme weichen müssen und Wasser oder Böden verschmutzt werden. Solche Orte finden sich überall auf der Welt, im globalen Norden wie im Süden. Es sind die Abbaugebiete von Teersanden in Kanada, Ölförderungen im Nigerdelta oder die Braunkohletagebaue in Europa. Gemeinsam haben diese Orte, dass hier Anwohner*innen, Umwelt- und Menschenrechtsaktivist*innen auf vielfältige Weise versuchen, den Abbau zu stoppen.

Einer dieser Orte im globalen Norden, die die Klimakrise machen, ist das Rheinische Kohlerevier in Deutschland. Jährlich fördert hier der Energiekonzern RWE rund 100 Millionen Tonnen Braunkohle, mehr als in ganz Russland oder den USA.[i] Um an die Braunkohle zu gelangen, werden die oberen Erdschichten abgetragen, die umliegenden Dörfer umgesiedelt, angrenzende Wälder gerodet. Der Großteil der Kohle wird zu den nahen Kohlekraftwerken transportiert und dort verfeuert. Weil hier drei der fünf Kraftwerke mit dem größten Ausstoß an Treibhausgasen in Europa zu finden sind[ii], nennen lokale Umweltschützer*innen ihre Region eine der CO2-Quellen Europas. Regelmäßig finden dort deshalb Proteste statt – für Klimaschutz, einen Ausstieg aus der Kohlekraft und den Erhalt des Hambacher Forsts, eines mehrere tausend Jahre alten Walds, der das Zuhause vieler geschützten Tier- und Pflanzenarten ist.

Der Wald ist zu einem europäischen Symbol des Widerstandes einer Bewegung für Klimaschutz geworden. Einige junge Aktivist*innen leben beständig im Wald. Sie haben sich dort Baumhäuser gebaut, „damit sie von jedem Baum mindestens einen Menschen holen müssen, bevor sie ihn fällen“ erklärt die Aktivistin Indigo ihre Intention. Die Aktivist*innen protestieren hier auch für jene, die es in anderen Regionen der Erde nicht können oder mit schweren Repressionen rechnen müssen. Ihre Forderung: „Keep in in the Ground“ – „Lasst die fossilen Rohstoffe im Boden“. Das Engagement für globalen Klimaschutz in Deutschland sei besonders wichtig, ergänzt Kalle, der ebenfalls im Wald lebt: „In anderen Regionen der Welt kommen Menschen, die so wie wir protestieren, nicht mehr nach Hause. Beispielsweise Menschen, die in Nordkolumbien gegen die dortigen Steinkohletagebaue streiten.“

Zu den trotzdem Mutigen dort gehört Margareth Cecilia Gutiérrez Arate aus der Gemeinde El Hatillo in Nordkolumbien- einer Region, die ebenfalls zu einem Ort wurde, wo die Klimakrise entsteht, wo der Hunger nach fossilen Rohstoffen die Umwelt zerstört und Menschen zur Umsiedlung zwingt. „Der Tagebau bedeutet für mich, der Erde etwas zu entreißen, was sie in sich trägt, ebenso wie es auch die indigene Bevölkerung sieht. Kohle ist für uns ein Gestein, das sich schon lange in der Erde befindet und dort sollte es auch bleiben. Wenn wir die Kohle abbauen, sind wir es, die diese Erde zerstören.“

Grundsätzlich anders sehen das aber die internationalen Konzerne, die mit der Kohleförderung Gewinn erwirtschaften und die kolumbianische Regierung. Jede Regierung der letzten Jahrzehnte hat den Berg- und Tagebau als eine wichtige Säule in der wirtschaftlichen Entwicklung angesehen und der ehemalige Präsident von Kolumbien, Juan Manuel Santos Calderón, erklärte ihn zu einem der Wirtschaftsmotoren des Landes. [iii] Zwischen 2001 und 2011 hat sich die Menge der in Kolumbien geförderten Steinkohle fast verdoppelt. Seitdem rangiert Kolumbien unter den zehn wichtigsten kohleproduzierenden Ländern weltweit.[iv]

Die Region Cesar, in der El Hatillo liegt, ist das Gebiet Kolumbiens, in dem die meiste Steinkohle abgebaut wird. Im Norden grenzt Cesar an die Region La Guajira, die ebenfalls wegen großer Steinkohlevorkommen und der Mine El Cerrejón, bekannt ist.

Cesar erstreckt sich entlang der östlichen Andenkordillere über mehr als 500 Kilometer.  Die Gemeinde El Hatillo liegt mittig, das Klima ist tropisch. Die meisten Bewohner*innen waren Kleinbauern oder Fischer, bevor der exzessive Kohleabbau begann. Datieren lässt der sich auf das Jahr 1995, als die Konzerne Drummond Limited Colombia, eine Tochterfirma des US-amerikanischen Unternehmens Drammen, und Prodecco (eineTochterfima des Schweizer Konzerns Glencore) mit dem Abbau von Steinkohle in Cesar anfingen. [v] Fast zeitgleich begann auch die paramilitärische Gewalt in der Region. Bis zum Jahr 2006 wurden mehr als 3.000 Menschen in der Region ermordet und mehr als 50.000. Kleinbauern vertrieben.[vi]

Seit dem Beginn der Steinkohletagebaue „La El Hatillo“ und „La Francia“ hat sich auch für die Menschen im nahen Dorf El Hatillo das Leben grundlegend verändert. Insgesamt wurde die Gemeinde von fünf Steinkohletagebauen in den letzten Jahren eingekreist[vii] Die Bergbauaktivitäten wirken sich auf die Umwelt und damit auch auf den Menschen aus. Der Grundwasserspiegel sinkt, die Erde wird trockener und gleichzeitig gelangen Schadstoffe wie Schwermetalle mit Abwasser in die Flüsse.

Laut eines Berichts der Gesundheitsbehörde von El Cesar aus dem Jahre 2011 leidet mehr als die Hälfte der Bevölkerung aufgrund des Kohletagebaus an Gesundheitsproblemen. Besonders häufig sind aufgrund der Feinstaubbelastung: Atemwegserkrankungen, Hautausschläge sowie Augenkrankheiten.

Die Bewohner*innen, laut ihnen leben hier etwa 600 Menschen in um die 200 Familien[viii], erwähnen immer wieder das kontaminierte Wasser des Flusses Calenturitas, in dem ein Fischsterben stattfindet.[1] Sie fangen schon seit einigen Jahren keine Fische mehr und viele bekommen Hautauschläge, wenn sie im Fluss baden.

Das belastete Grundwasser mache es auch schwer, weiter Landwirtschaft zu betreiben. Vieles an Obst und Gemüse wachse nicht mehr. Früher lebten viele Menschen in El Hatillo auch von der Jagd. Dies sei nicht mehr möglich, da das Gelände rund ums Dorf nun Privatgelände des Tagebaus sei.

Im Jahr 2013 erklärte El Hatillo den „sozialen Notstand“ aufgrund eines Mangels an Nahrungsmitteln. Internationale Organisationen leisteten Hilfe. Ein Bericht im Auftrag der Vereinten Nationen kam zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Kinder zu dem Zeitpunkt in El Hatillo unterernährt waren.[ix]

Den Vorschlag das Dorf El Hatillo aufgrund der Setinkohle umzusiedeln kam 2007 zum ersten Mal auf. Drei Jahre später ordnete das Umweltministerium dies aufgrund der starken Luftverschmutzung tatsächlich an. Die vier Bergbauunternehmen Drummond, Prodeco, CNR und Vale müssen El Hatillo, aber auch die Gemeinden El Boquerón und Plan Bonito umsiedeln. Eigentlich hätte der Prozess 2012 abgeschlossen sein sollen, aber noch immer warten die Bewohner*innen auf diese Möglichkeit oder sind sich uneinig, ob sie wirklich gehen möchten.[x]

Margareth Cecilia Gutiérrez Arate ist eines der vier Mitglieder des Umsiedlungskomitees von El Hatillo: „Das Schwierigste an dem Umsiedlungsprozess ist für mich, dass ich immer wieder zu den Bewohner*innen gehen und ihnen sagen muss, dass sich alles verzögert und verzögert und verzögert – sie warten schon so lange darauf, dass die Umsiedlung beginnt“, berichtet die 24-Jährige Studentin und Mutter einer kleinen Tochter. Nach ihrem Studium möchte sie als Journalistin arbeiten oder in einer öffentlichen Institution, keineswegs aber für den Tagebau. Zusammen mit ihrer Familie kam Margareth vor rund zehn Jahren nach El Hatillo. Sie engagierte sich früh für die Gemeinde und begleitet nun den Umsiedlungsprozess mit dem Ziel, dass er für ihre Gemeinde möglichst wenige negative Folgen hat. „Es geht um meine Zukunft und um die meiner Familie“, meint sie.  „Man muss sich den Veränderungen stellen, es geht nicht anders.“ Die junge Frau fühlt sich wohl in der Dorfgemeinschaft.  „Deshalb habe ich die Entscheidung getroffen, mit ins neue El Hatillo umzusiedeln.“

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Auch die indigene Bevölkerung, wie die Gemeinschaft der Wayúu, verliert aufgrund der Steinkohletagebaue ihr Zuhause. Ihre Vertreter*innen, die sich gegen Umsiedlungen und Umweltzerstörung aussprechen, werden von Paramilitärs bedroht. So ergeht es auch Jakeline Romero von den Wayúu aus La Guajira. Sie kritisiert, dass die Tagebaue entstanden sind, ohne dass die Bevölkerung und ihre indigene Gemeinschaft in den Entscheidungsprozess einbezogen worden sei. „Als eine Wayúu kann ich nicht schweigen“, sagt sie. „Wir kämpfen hier für unser Land, für unser Wasser, für unsere Leben“[xi]

Der Streit gegen die Umweltzerstörung, die der Abbau fossiler Energien nach sich zieht, ist in vielen Teilen dieser Erde eng verflochten mit dem Streit für Menschenrechte. Es geht um das Recht, protestieren zu können, ohne Furcht vor Repressionen zu haben. Um Anwohner*innen, die ein Leben in Würde einfordern. Darum geht es auch den Menschen in der Gemeinde El Hatillo. Von dem großen Geschäft der Kohlekonzerne profitieren die Bewohner*innen sehr wenig. Viele von ihnen leben in einfachen Lehmhütten und haben nur das Überlebensnotwendige.

Der Abbau der Steinkohle habe auch den sozialen Zusammenhalt der Gemeinschaft zerstört: „Früher waren die familiären Bindungen viel stärker. Unsere Eltern haben uns viel über unsere Kultur beigebracht. Genau das machte unsere Leben aus – unsere Familie und das Land, die Erde auf der wir leben. Früher lebten wir mehr in Solidarität. Früher gingen die Leute, wenn sie nichts zu essen hatten, auf die Jagd und haben sich so ihren Lebensunterhalt gesichert. Aber inzwischen hat sich das verändert, der Bergbau beeinflusst alles.“ erzählt Margareth. Sie sei nicht wütend, sie sei traurig. „, Es ist tragisch, dass Politiker, die Gemeinden wie uns eigentlich unterstützen sollten, es zulassen, dass wir uns in einer solchen Situation befinden.“ Den Umgang der Konzerne mit den Betroffenen findet sie grob. „Sie müssen verstehen, dass wir eine Gemeinschaft von Kleinbauern sind und dass sie unser Leben enorm beeinflussen – wir haben sie nicht gebeten, uns umzusiedeln, das ist ihre Verantwortung“. Doch die Unternehmen, meint Margareth, wollen bestenfalls die Minimalanforderungen erfüllen. „Natürlich müssen sie uns nicht alles geben, aber doch ein bisschen mehr, sodass unser Leben mit ihnen nicht nur zu einem einzigen Kraftakt verkommt.“

In Kolumbien wurden im Jahr 2017 insgesamt 89.439 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert..[xii] Etwa zehn Prozent bleiben im Land, fast 90 Prozent werden exportiert. Zum Beispiel nach Deutschland. Die Bundesrepublik gehört zu den wichtigsten Importeuren kolumbianischer Steinkohle, die 2015 fast ein Fünftel der deutschen Steinkohleimporte ausmachte. [xiii] Genutzt wird sie in Deutschland in der Stahlindustrie und für die Gewinnung von Wärme und Strom. Margareth hat eine klare Botschaft Länder wie Deutschland. „Ihr solltet verantwortungsvoller handeln –  wir sind es, die unter eurem Konsum leiden. Am besten wäre, wenn die Kohlekonzerne aus Kolumbien verschwinden würden.“[xiv]

Die Auswirkungen der Lebensweise des Nordens  hört nicht bei den unmittelbaren Folgen des Kohleabbaus auf. Kolumbien ist ein Land, das stark vom Klimawandel betroffen ist. Schon jetzt herrscht in vielen Regionen oft Dürre. „In El Hatillo fühlt es sich manchmal an wie in der Wüste, heiß und staubig“, erzählt Gutiérrez Arate. Das dürfte sich in der Zukunft verschärfen. Die steigenden Temperaturen und Änderungen in der Niederschlagsmenge werden in den nächsten Jahren voraussichtlich zu Wassermangel in ganz Kolumbien führen. Und an den Küsten wird die Bevölkerung mit steigendem Meeresspiegel zu kämpfen haben[xv]. El Hatillo ist einer der Orte auf der Welt, an dem sich Ursache und Wirkung der Klimakrise sehr nahekommen. Damit wir von ihnen lernen ist es wichtig Menschen wie Margareth die Möglichkeit zu geben über die Auswirkungen sprechen zu können. Ihnen mit Respekt zu begegnen, zuhören und ihre Forderungen ernst zu nehmen. Damit sie und ihre Dorfgemeinschaft ein gutes Leben führen können, brauchen sie jetzt gute Landflächen für ein neues Dorf. Um langfristig vor den Folgen der Klimakrise geschützt zu sein, müssen die Klimaziele des Pariser Klimaabkommens eingehalten werden.


[1]


[i] https://www.bund-nrw.de/themen/mensch-umwelt/braunkohle/hintergruende-und-publikationen/braunkohlentagebaue/

[ii] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/co-emission-europas-klimaschaedlichste-kraftwerke-stehen-in-deutschland-1.2420130

[iii] Explotación del carbón y desplazamiento, S. 16.

[iv] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/41470/umfrage/laendervergleich—anteil-kohleproduktion-an-weltweiter-gesamtmenge/, abgerufen am 09.09.2018 sowie Explotación del carbón y desplazamiento, S. 81.

[v] Explotación del carbón y desplazamiento, S. 30.

[vi] https://www.misereor.de/fileadmin/publikationen/publikation-fragwuerdige-unternehmenstaetigkeiten-glencore.pdf, Studie fragwürdige Unternehmenstätigkeiten: S. 5, abgerufen am 06.09.2018

[vii] Explotación del carbón y desplazamiento, S. 30.

[viii] Interview Margareth vom 31.08.2018, 6:30

[ix] https://elpilon.com.co/el-olvido-de-el-hatillo-plan-bonito-y-boqueron/, abgerufen am 09.09.2018

[x] Caracterización del caso El Hatillo, publicación de PAS (2011), S. 5

[xi] https://www.globalwitness.org/en/blog/activists-defenders-investigators-these-are-women-who-inspire-us/

[xii] https://www.minminas.gov.co/documents/10192/23966843/270218_produc_expo_carbon_2017.pdf/508970d3-830f-4e8f-8139-36209475fd60, abgerufen am 04.09.2018

[xiii] https://blog.misereor.de/2017/04/05/kohlebergbau-in-kolumbien/, abgerufen am 09.09.2018

[xiv] Interview Margareth vom 31.08.2018, 25:03

[xv] Climate Risk Profile Colombia, Studie US-Aid (2017)

Auch Aldemar Parra García, Gemeindevertreter und Gewerkschafter, war einer, der sich eingesetzt hat für seine Gemeinde El Hatillo. Er kritisierte die Bergbauunternehmen und deren Aktivitäten öffentlich. [xv] Im Januar 2017 kam er nicht wieder nach Hause [xv] .„Sie sie haben ihn am Eingang zum Dorf umgebracht“ erinnert sich Margareth.

Internationale Nichtregierungsorganisationen wie Misereor und Global Witness berichten regelmäßig über Repressionen, Drohungen bis hin zu Morden, die Anwohner*innen, Menschenrechts- und Umweltaktivist*innen in der Region erdulden müssen.

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