Gletscher der Anden

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Ein Interview mit: Santiago David Verdesoto Escobar (33) ist Geograph, spezialisiert auf Risikomanagement und arbeitet für das Nationale Sekretariat für Planung und Entwicklung in Quito, Ecuador. Dort ist er mit der Aufgabe konfrontiert die Risiken von Naturkatastrophen und den Folgen der Klimakrise zu mildern.

Was ist besonders an der Landschaft Ecuadors?

Ecuador ist ein relativ kleines Land auf dem Südamerikanischen Kontinent (283.560 km2). Seine geographische Lage an der Äquatorlinie, die Präsenz der Anden, die Meeresströmungen vor der Küste (kalt ankommend aus dem Süden mit dem Humboldtstrom oder warm von El Niño auf dem Pazifik) sowie seine Lage am pazifischen Feuergürtel erzeugen einzigartige Bedingungen, die eine Vielzahl von Landschaften und deren Ökosystemen hervorbringt.

Es gibt vier klar differenzierte geographische Regionen: Inselregion (Galapagos), die Küste, das Gebirge und das Amazonasgebiet. In jeder Region können je nach Reliefbedingungen, Geomorphologie, Bodenarten und Vegetationsbedeckung verschiedene Teillandschaften und Mikrolandschaften identifiziert werden. Insgesamt gibt es in Ecuador deshalb mehr als 500 Naturlandschaften.

Wenn wir nach Klimazonen klassifizieren, dann hat Ecuador fünf: warm, gemäßigt, kalt, Gletscher und ewiger Schnee.

Warum ist Quito eine besondere Stadt?

Quito ist die Hauptstadt von Ecuador. Sie liegt im nördlichen zentralen Hochland. Gegründet wurde die Stadt 1534. Vor der Kolonialzeit war die Region von der indigenen Bevölkerung der Quitus bewohnt.


Im Jahr 2018 beläuft sich die Bevölkerungsgröße von Quito auf rund drei Millionen Einwohner*innen. Aufgrund des beständigen Zuzugs von Menschen aus ländlichen Regionen steigt die Zahl der Bewohner*innen beständig.  

Die topographischen Bedingungen Quitos, das Gebirgsmassiv des Pichincha im Westen, geologische Störungen mit tiefen Tälern und Flüssen im Osten, führt dazu, dass das Wachstum der Stadt fast ausschließlich in Nord-Süd und Süd-Nord-Richtung stattfindet. Die Stadt ist außerdem umgeben von Vulkanen.

Worin besteht deine Arbeit?

Ich führe Studien durch mit dem Ziel Katastrophenrisikomanagement in Ecuador zu verbessern. Wir stehen vor der Herausforderung uns an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen. An die Wetterextreme sowie an Dürren und Wasserknappheit. Die Daten, die wir auf lokaler Ebene erheben, werden in den

Nationalen Entwicklungsplänen berücksichtigt. Ziel ist es, dass Klimaschutz und Klimaanpassung eine Leitlinie in allen Sektoren wird. Damit sich die Bedrohungen für unsere Sozialsysteme und unserer Wirtschaft verringern. 

Vor meiner jetzigen Tätigkeit arbeitete ich als Kartograph in einem nationalen Vermessungsprojekt. Dabei hatte ich die Möglichkeit, einen Großteil des Landes zu bereisen und soziale und ökologische Indikatoren zu erfassen. In der Zeit konnte ich auch direkt die Auswirkungen der Klimakrise beobachten: 2013 bis 2014 kam es in der Provinz Manabi und Guayas (Küste) zu schweren Dürren. die schwere Dürre von 2013-2014. Da ich in meiner Freizeit seit 2003 auch viel in den Anden wandern und bergsteige, konnte ich die Gletscher der Vulkane Chimborazo, Cayambe, Antisana, Ilinizas und Cotopoxi sehr gut kennen lernen. Leider zeigen sie ihre allmähliche Regression, jedes Mal ist der Zugang zu den Gletschern weiter entfernt und schwieriger.

Die Auswirkungen der Klimakrise in Ecuador lassen sich generell folgend zusammenfassen: Der Verringerung der Verfügbarkeit von Wasserressourcen in Ecuador in Gebieten, die in der Vergangenheit kein Wasserdefizit hatten; der Rückgang der tropischen Andengletscher; anhaltenden Dürren besonders in der Küstenregion; ständigen Zunahme von Überschwemmungen an der Küste und im Amazonasgebiet. Zudem verursacht die Temperaturerhöhung der Meeresgewässer, zwischen den Galapagos Inseln und der Küste Ecuadors, eine Zunahme der Wahrscheinlichkeit von Extremereignissen (Überschwemmungen und Dürren) im Zusammenhang mit dem El Niño – Phänomen.

Welche Rolle spielen die Gletscher der Anden für die Menschen?

Die Gletscher von Ecuador sind ein wesentlicher Teil der Dynamik des Ökosystems Paramo (Hochlandmoore). Sie haben einen regulierenden Einfluß auf die Temperatur in Hochgebirgsökosystemen und stellen das ganze Jahr über Wasser zur verfügung.

Auch die Bewohner*innen von Quito und anderer Andenstädte sind abhängig von der Verfügbarkeit des Wassers der Gletscher.

Wirkt sich der Klimawandel auch auf die Gletcher aus?

Ja, sie Erwärmung der globalen mittleren Temperatur beeinflusst auch die Gletscher der Anden. Sie beginnen an Masse zu verlieren, sie schmelzen schneller als das sich neues Eis bilden kann. Und die verstärkt trockenen Jahreszeiten, also geringerem Niederschlag beeinflusst ebenfalls die Bildung von neuem Gletschereis.

Unsere Gletscher in Ecuador eignen sich auch als Indikator für den Klimawandel. Die Klimaschwankungen der Erde lassen sich hier ablesen.

Sind auch die Gletscher betroffen, die für die Wasserversorgung von Quito zuständig sind?

Die Gletschereisflächen von Cotopaxi, Chimborazo, Carihuayrazo und Antisana haben im letzten halben Jahrhundert rund 40% ihrer Fläche verloren.  Es ist anzumerken, dass es verschiedene Studien und verschiedene methodische Prozesse für die Überwachung von Gletschern gibt, die sich hinsichtlich der Ergebnisse bezüglich ihres Rückzugs unterscheiden können. In Ecuador sind jedoch die Messungen am Gletscher 15 (Alpha) des Antisana-Vulkans sehr gut. Dieser Gletscher ist der kontinuierlich am besten überwachte im Land. Im Allgemeinen zeigen Studien auf diesem Gletscher, dass in 20 Jahren Messungen ein Rückzug von ungefähr 350 m stattgefunden hat. Dieser Gletscher hat zwischen 1995-2012 eine Masse von -0,2 m Wasser pro Jahr verloren hat (MAE 2017, 278).

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Gletscherschwund und Klimawandel sind unverkennbar. Die Ergebnisse über den Rückzug der Gletscher in Ecuador in wissenschaftlichen Publikationen zeigen, dass es ein signifikanter Zusammenhang zwischen erhöhter Lufttemperatur und das Schmelzen von Eis besteht.

Aber wichtig ist auch: Jede Eiskappe der Vulkane und vor allem jede Gletscherzunge hat ihre eigene Dynamik, die auf die biophysikalischen Bedingungen in jedem Wassereinzugsgebiet reagieren. Von daher sind mehr Forschung und Überwachung erforderlich.

Auswirkungen sind offensichtlich in der reduzierten Verfügbarkeit von Wasserressourcen, Änderungen der Flussläufe und Veränderungen der biophysikalischen Dynamik von Ökosystemen der Hochgebirge.

Ein zusätzliches Problem ist der zunehmende Wasserverbrauch der Bevölkerung von Quito.

Was ist die Prognose für die Gletscher?

Höhenmäßig werden sich die Gletscher von aktuell ca 4850 m über dem Meeresspiegel auf 5350 m zurückziehen. Mit weiterer Erwärmung des Klimas nach 2050 kann der Gletscher vollkommen verschwinden.

Welche Schritte für Anpassungsmaßnahem unternommen?

Das Nationale Meteorologische Institut entwickelt Überwachungsmaßnahmen der Gletscher und betreibt glaziologische Forschung. Verschiedene Internationale Studien zu Gletschern und Klimawandel werden unterstützt und das Umweltministerium ist Teil des regionalen Projektes in den Anden: Anpassung an die Auswirkungen der beschleunigten Rückgangs Gletscher in den tropischen Anden (PRAA).

Welche Forderungen hast du an die internationale Gemeinschaft und speziell an Deutschland als Industrienation?

Deutschland könnte Ecuadors Wissenschaft fördern. Wir brauchen mehr Forschungsstationen im Land, die die Bemühungen von Institutionen wie dem Nationalen Meteorologischen Institut unterstützen können.

Die Wissenschaftlichen Erkenntnisse dienen nicht nur Ecuador. Die tropischen Gletscher sind Indikatoren für den Klimawandel. Mehr Wissen über sie macht es möglich globale und regionale Klimadynamiken zu verstehen.

Deutschland als Industrieland sollte Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien mit uns teilen. Auch interessiert mich sehr die deutsche Energiewende – wie können wir von Fossilen zu Erneuerbaren wechseln?

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